26.10.2025
Wind und Regen stressen Lukas. Vor allem Wind sorgt bei ihm dafür, dass er sich nicht richtig entspannen oder konzentrieren kann. Inzwischen sehe ich deutlich, dass er auch nicht einfach „lustig drauf“ ist, wenn es draußen windig ist, sondern dass er Schwierigkeiten hat, seine Umgebung bei Wind richtig einzusortieren. Er wirkt angespannt, manchmal wie eine Sprungfeder, die dann plötzlich losgeht. Seine Bewegung variiert zwischen hektischem Schritt, Freezing und Trab oder Galoppeinheiten gepaart mit wilden Sprüngen und Bucklern, um den Stress wieder abzubauen. Zudem braucht er viele Fresspausen. Er frisst auch nicht entspannt, sondern reißt das Gras geräuschvoll aus dem Boden, kaut wenig und hält ab und zu inne, um den Kopf hochzunehmen und zu lauschen.
Dennoch will er mitarbeiten. Manchmal habe ich den Eindruck, er bittet mich, ihm zu helfen, ihn abzulenken. Das schaffe ich aber nur bedingt. Außerdem fällt es mir zugegebenermaßen auch schwer, neben einem tänzelnden, jederzeit sprungbereitem 900-Kilo-Kaltblut selbst ruhig zu bleiben, auch wenn ich mir sicher bin, dass er versucht, mich nicht zu gefährden.
Seine Besitzerin meinte neulich, als ich ihr von Lukas‘ Wettersensibilität berichtete, dass er vor der Kutsche keine Probleme zeigt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ist er vor der Kutsche wirklich entspannter, weil er etwas tun kann, was er gerne macht? Oder hat er einfach gelernt, dass er mit negativen Konsequenzen zu rechnen hat, wenn er seine Panik nach außen hin zeigt.
Kann ich es für mich als Erfolg werten, dass er mir gegenüber so extrovertiert reagiert oder muss ich den Kritikern recht geben, die denken, ich würde ihn „verhätscheln“? Gerade heute hat mich wieder so ein gut gemeinter Ratschlag erreicht. Ich war kurz durch ein Gespräch abgelenkt und habe nicht gemerkt, dass Lukas gerne spazieren oder zumindest grasen gehen möchte. Also ist er einfach losgegangen und ich konnte ihn nicht halten. Er hat nach zwei Metern wieder auf mich gewartet. Aber der Ratschlag kam prompt: „Wenn du ihn so am langen Strick hältst, weiß er, dass er dich wegziehen kann. Du musst den Strick kürzer nehmen, am besten direkt am Halfter.“
Mein altes Ich reagiert auf so etwas prompt. Die andere muss Recht haben, schließlich hat sie viel mehr Pferdeerfahrung als ich. Selbst von Lukas‘ Besitzerin, die in vielerlei Hinsicht noch sanfter ist als ich, kam schon der Rat, ich müsste ihm mal „einen Schlag verpassen“, damit er „versteht, dass er das nicht machen soll.“ Mit „das“ meinte sie das Grasen über eine Absperrung. Er soll das nicht machen, weil er durch seine schiere Kraft schon geschafft hat, diese Absperrungen kaputt zu machen. Ich stimme ihr zu, dass er das nicht machen soll, aber „einen Schlag“ möchte ich ihm deswegen nicht „verpassen“. Warum auch? Er sieht das leckere Gras und weiß, dass er so rankommt. Für ihn ist es nicht logisch, darauf zu verzichten.
Meistens schaffe ich es recht schnell, in solchen Situationen mein Gehirn einzuschalten und die Situation nach meinen Maßstäben zu bewerten. Im Falle des Grasens über die Absperrung hole ich ihn weg und gebe ihm eine Alternative. Im Falle des „Wegziehens“ heute passe ich einfach besser auf, was er mir sagen will, damit er nicht so deutlich werden muss. Oder sollte ich doch zukünftig lieber mit Knotenhalfter spazieren gehen, damit er seinen Kopf nicht so einfach wegziehen kann? Schwierige Frage, für die ich noch keine Antwort gefunden habe.
