16.11.2025
Letzte Woche erreichte mich eine Nachricht, die mir erst mal den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Lukas soll bitte über die Wintermonate kein Gras mehr fressen (gar keins!) und ich soll bitte auch nicht mehr am Putzplatz Clickertraining machen, weil er deswegen jetzt betteln würde.
Quasi bedeutet das, dass ich kein Medical Training mehr machen kann, keine Spaziergänge und keine Freiarbeit im Roundpen oder auf dem Platz mehr. Denn dort darf Lukas grasen, wann immer er eine Pause braucht oder Stress abbauen muss. Ich kann also nichts von dem mehr machen, was ich die letzten Wochen aufgebaut habe.
Lukas gehört mir nicht. Deswegen habe ich keine Wahl als den Wünschen der Besitzer zu folgen. Und ich kann sie auch zu einem gewissen Maß verstehen. Sie haben mal eine Stute verloren, die starke Hufrehe hatte, vermutlich fütterungsbedingt. Deshalb sind sie jetzt mit der erhöhten Fruktankonzentration im Gras eher vorsichtig. Und dass die Kombination aus rein positiver Verstärkung bei mir und konventionellem Umgang der anderen irgendwann zu Problemen führt, war absehbar. Ich kann eigentlich froh sein, dass ich sonst weiter über positive Verstärkung arbeiten darf.
Ich musste also über die letzten Tage die typische Kurve der Veränderung durchlaufen: Verleugnung („Nein, das meinen die nicht ernst“) -> Schock („Was mache ich denn jetzt, wenn ich nichts mehr machen kann?“) -> Wut („Die haben doch keine Ahnung.“) -> Trotz („Dann höre ich eben auf. Niemand zwingt mich, dort dreimal die Woche hinzufahren.“) -> Frust („Es macht überhaupt keinen Spaß mehr.“) -> Resignation („Dann mache ich halt erst mal eine Weile gar nichts.“) -> Kognitive Einsicht („Ich verstehe ja, dass sie wegen dem Fruktan vorsichtig sind.“) -> Trauer („Echt schade, aber da kann man eben nichts machen.“) -> Emotionale Einsicht („Vielleicht ist es eine Chance, etwas Neues, anderes auszuprobieren.) -> Ausprobieren („Ich wollte mich doch schon immer mal mit Nasenarbeit bei Pferden beschäftigen.“) -> Offen für Neues.
Ich bin froh, dass ich einerseits das Wissen über diese Phasen habe, die übrigens jeder und immer durchläuft, nur eben unterschiedlich schnell, und andererseits relativ schnell da durch gekommen bin. Tatsächlich sehe ich jetzt – neben der Trauer über das Verlorene, die auch immer noch mitschwingt – neue Möglichkeiten und hatte auch bereits Gelegenheit, diese auszuprobieren.
Worum konkret geht es?
Ich habe in den vergangenen Monaten immer mal wieder davon gehört, dass vereinzelt Menschen ihre Pferde mit Nasenarbeit beschäftigen, also zum Beispiel Geruchsunterscheidung von verschiedenen, gleich aussehenden Gegenständen. Oder echte Spurensuche, wo das Pferd von einem Ausgangspunkt aus der Menschenspur bis zu einem vergrabenen „Schatz“ folgt.
Es gibt dazu nicht viel im Internet zu finden. Eigentlich wird alles auf ein Buch zurückgeführt: Scent Work for Horses von Rachaël Draaisma (https://amzn.to/4oSMBZG). Obwohl das Buch nur auf Englisch erhältlich ist und nicht ganz billig, habe ich es mir gleich bestellt. Seit Freitag ist es da und ich lese es.
Schon auf den ersten Seiten bin ich begeistert von den wissenschaftlichen Erkenntnissen und Herleitungen. Die Autorin beschäftigt sich sehr intensiv mit Stress bei Pferden, ein Thema, das auch mir sehr nahe liegt. Ich habe ja zum Beispiel meine Abschlussarbeit der Tierheilpraktiker-Ausbildung zum Thema „Zusammenhang zwischen Stress und Mauke bei Pferden“ geschrieben. Das neue Buch hat mir jetzt nochmal neue Erkenntnisse beschert. Ich fühle mich immer mehr bestärkt darin, so mit Lukas umzugehen, wie ich es tue. Ich könnte nicht zurück zur konventionellen Art, die mit Druck und „gefügigen Pferden“ arbeitet.
Direkt am Anfang geht es darum, wie wichtig es für Pferde ist, ihre Umgebung zu erkunden und dieses natürliche Verhalten auszuleben. Dieses Verhalten wird vielen Pferden eher aberzogen. Heute wollte ich mit Lukas ausprobieren, wie er bei neuen Gegenständen reagiert. Ich habe also im Roundpen eine Plane, eine Plastikflasche, ein kleines Handtuch und einen Ball platziert und ihn frei entscheiden lassen, ob er dahin gehen möchte oder nicht. Lukas hat mich überrascht, denn er ist ohne Vorbehalte zu allen Gegenständen gegangen und hat sie untersucht. Ich war total stolz auf ihn, denn das zeigt ja, wie sehr er mir und der Situation vertraut.
Um ihn ein bisschen zu bewegen, habe ich ihn am langen Strick in einer Art Longenposition geführt, was er erstaunlich gut mitgemacht hat. Durch das Medical Training weiß ich ja jetzt, wie fein er auf kleinste Veränderungen meiner Körperhaltung reagiert, also habe ich versucht, ihm beizubringen, dass er, nur wenn ich den Arm ein wenig nach vorn halte, schneller werden soll. Das hat sogar erstaunlich gut geklappt.
Außerdem haben wir eine Grundübung des Scent Work gemacht: ich habe auf dem gepflasterten Hof kleine Möhrenstücke auf den Boden geworfen, die er suchen und vom Boden aufnehmen sollte. Am Anfang fand er das sehr komisch. So hatten wir das schließlich noch nie gemacht. Aber nach ein paar Übungseinheiten macht er das schon sehr gut.
Und also letztes habe ich mit ihm geübt, auf Kommando an die Aufstiegshilfe heranzutreten, mir mit der Nase eine Box anzuzeigen und dann auf Kommando wieder zurückzutreten. Auch das hat er super gemacht. Ist halt schon ein alter Klicker-Hase, der einfach nur wartet, was er tun kann, um sich einen Keks zu verdienen.
Letztlich habe ich es geschafft, sowohl am Freitag als auch heute ein vielseitiges Training aufzubauen, sodass es nicht so schlimm war, dass er kein Gras fressen durfte. Und das fehlende Futter am Putzplatz hat uns auch keine Schwierigkeiten bereitet. Mal sehen, wie es weiter geht.
