Stress

Aufregung oder Stress?

06.10.2025

Ist er nur aufgeregt oder hat er schon Stress? Oder ist das nicht letztlich dasselbe? Am Wochenende hatte ich viel Gelegenheiten, sämtliche Ausprägungen von Aufregung (oder Stress) bei meinem Pferd zu beobachten.

Zuerst am Freitag. Es heißt ja immer, dass ein Pferd bei einer Einheit wieder motiviert mitmacht, wenn es sie überwiegend positiv in Erinnerung hat. Unter diesem Vorzeichen kann ich sagen: Das Spazierengehen hat Lukas in sehr positiver Erinnerung, denn er ist am Freitag mehr als motiviert und freudig mitgekommen. Wir hatten keinerlei Probleme vom Stall wegzugehen und auch einigermaßen vorwärts zu kommen. Doch natürlich durfte er nach den ersten 100 Metern grasen. Und da ist mir das Level seiner Aufregung zum ersten Mal aufgefallen, denn allein die Art, wie er hektisch Gras rausrupfte (mit viel Geräusch), hat mir deutlich gezeigt, wie hoch sein Stresslevel in dem Moment war. Ich würde zwar sagen, es war eher positiver Stress (also Eustress), aber es war dennoch Stress. Das nächste Mal wurde es deutlich, als er vor einem unbekannten Geräusch weggesprungen ist. Man konnte das Adrenalin quasi durch seinen Körper strömen sehen. Auch die vielen Hundebesitzer, die wieder unterwegs waren, haben es für ihn nicht gerade entspannter gemacht. Dennoch war er die ganze Zeit bei mir und zeigte auch keine Angst. Keine Spur von Freezing, was früher zu unserem Standard-Repertoire gehörte.

Deshalb sind wir diesmal auch ein kleines Stück weiter gegangen. Nicht viel, vielleicht fünfzig Meter in eine Richtung, in die wir schon sehr lange nicht mehr gegangen sind. Mehr habe ich mich dann nicht getraut. Wir sind also umgedreht und dann die Bachrunde weitergelaufen.

Zwischendurch kämpfen wir immer mal wieder ums Gras. Anders kann ich das leider nicht nennen. Auch wenn er auf „Weiter geht’s“ inzwischen ganz gut reagiert, schaffen wir es noch nicht, dass er nicht zwischendurch selbstständig zum Gras zieht. Und da er so viel Kraft hat und das auch weiß, habe ich dann keine Chance. Ich hole ihn mir dann halt gleich wieder und wir laufen weiter, aber so richtig gut gefällt es mir noch nicht. Ich habe mir viele Gedanken übers Gras gemacht. Letztlich ist das Grasen an sich eine sehr starke positive Verstärkung, mein Weiter-Signal hingegen das Ende, also eine negative Bestrafung. Ich habe aber noch keine Idee, wie ich das umwandeln könnte. Letztlich versuche ich wenigstens, die Schritte in meine Richtung vom Gras weg dann sofort zu belohnen. Aber an dieser Thematik arbeiten wir noch weiter.

Für Sonntag hatte ich mir dann fest vorgenommen, mit dem Medical Training weiterzumachen. Leider haben alle Vorzeichen dagegen gesprochen. Am Tag zuvor war wohl ein kleines Unwetter mit Sturm und Hagel, jedenfalls lag ein Baum auf dem Spazierweg in der Nähe des Stalls und man konnte die Spannung in der Luft quasi mit den Händen greifen. Die Pferde standen alle mit erhobenen Köpfen auf der Koppel.

Als ich Lukas rausgeholt habe, war er vom Putzen nicht begeistert. Er ist weggegangen und hat mir auch die Beine weggezogen. Nun ja, ich verstehe solche Hinweise inzwischen und habe nur das Nötigste gemacht und mich auch sehr beeilt. An Stillstehen war jedenfalls nicht zu denken. An Spazierengehen auch nicht, nicht nur wegen dem Baum. Aber es war windig und hat geregnet, dieses Wetter stresst Lukas auch sonst sehr.

Also sind wir auf den Reitplatz gegangen. Nicht mal der Weg dahin hat gestern manierlich geklappt. Es fiel meinem Pferd deutlich sichtbar schwer, sich zurückzunehmen und zu konzentrieren. Kaum sind wir auf den Reitplatz eingebogen, ist er losgaloppiert. Nur ein paar Schritte, ich hatte ihn schließlich am Führstrick, aber ich habe ihn sofort losgemacht, damit er rennen kann. Was er auch sofort gemacht hat. Aufregung pur. Oder Stress? Das war in dem Moment noch nicht klar. Erst als ich den Roundpen geöffnet habe und er quasi dort hineingeflüchtet ist, war mir klar, dass er Angst hat. Angst vor diesem Baum auf dem Weg.

Auf der anderen Seite wollte er auch arbeiten. Er war nicht kopflos. Nur sehr Energiegeladen. So als wüsste er, dass er die Energie abarbeiten muss und ich sollte ihm dabei helfen. Ich konnte kaum ein paar Stangen und Pylonen als Viereck aufstellen, dann ist er meinem Target mit solcher Energie gefolgt, dass ich selbst ganz aufgeregt wurde. Er wollte zwar auch immer mal wieder fressen, um seinen Stress abzubauen, hatte dann aber doch irgendwie keine Ruhe.

Dann wurde es noch schlimmer: der Stallbesitzer fuhr mit dem Gabelstapler zum umgefallenen Baum, um ihn aus dem Weg zu räumen. Den Gabelstapler kennt Lukas, den fand er nicht schlimm. Aber das Geräusch der brechenden Äste war zu viel für ihn. Plötzlich ist er wieder geflohen, ans äußerste Ende vom Roundpen (vorher war er kurz auf dem Platz zum Grasen).

An vernünftige Arbeit war gestern also nicht zu denken. Interessanterweise fand das Pferd aber offensichtlich, dass es bei mir sicher sein musste, jedenfalls hat er ständig meine Nähe gesucht. Dieses Verhalten finde ich persönlich etwas beängstigend, schließlich sind eine knappe Tonne Aufregung neben mir nicht gerade komfortabel, aber ich war mir zumindest sicher, dass er versucht, mich nicht versehentlich zu treffen.

Wir haben dann nach einer halben Stunde wieder aufgehört. Bewegung hatte Lukas auf jeden Fall genug.

Beitrag erstellt 48

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Beiträge

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben